Sonntag, 26. August 2007

Skifahren

Ja, richtig gelesen!
Viele E-Mails an mich beginnen so: "Wie hältst Du es aus in der Hitze und wie sind die Kängurus so?" Keine Ahnung! Kängurus habe ich immernoch nicht gesehen und es ist WINTER hier! Der Winter in Melbourne ist zwar eher wie ein Herbst in Deutschland, aber Temperaturen sind selten höher als 13°C.


Der Fehler ist aber nicht unüblich und sogar Kaptain Cook dem offiziellen Entdecker Australiens unterlaufen. Laut Manning Clarks "Short History of Australia", die ich gerade lese, war Cook, als er in der Botany Bay landete, begeistert von den angenehmen Temperaturen und der blühenden Vegetation. Er empfahl der britischen Krone das neu entdeckte Land daher als besonders geeignet zur Kolonisierung. Allerdings geschah dies im April 1770. Die Siedler, die im Januar bzw. Februar 1805 eintrafen, machten lange Gesichter als der versprochenen grünen Weiten nur verdorrten Busch vorfanden.

Skifahren ist in Australien in eher unübliches Freizeitvergnügen, doch es gibt drei Skigebiete nördlich von Melbourne. Mount Buller ist das nächstgelegene, was allerdings immernoch eine Fahrt von über drei Stunden bedeutet, so dass ich mich schon um fünf Uhr morgens unausgeschlafen und mit einem bedrohlich niedrigen Koffeinspiegel am Bus anstellte. Organisiert hatte den Trip übrigens Su Lyn, meine Vermieterin, mit dem Betreiber eines weiteren Studentenwohnheimes.
Wie immer, wenn ich an einem von Su Lyns "social events" teilnehme, bin ich der einzige, der nicht von asiatischen Kontinent stammt und, in diesem Fall, auch einer der wenigen die schon einmal Skifahren waren. Mein Sitznachbar im Bus, Ram aus Indien, hatte bis dato noch nie in seinem Leben Schnee gesehen.


Auf der Fahrt bekam ich das erste Mal den Hauch eines Eindrucks, wie riesig dieses Land eigentlich sein muss. Zwischen Melbourne, dem Ort an dem wie eine Pinkelpause einlegten und dem Skigebiet gab es keine einzige Ortschaft. Nur grüne Wiesen, eine Menge Kühe und Schafe und ein paar vereinzelte Häuser. Und das auf einer Tour von über 200 Kilometern.

Über Skifahren zu schreiben ist etwa so wie zu Architektur tanzen, deswegen lasse ich es lieber sein. Das Wetter war großartig, aber der (Kunst-)Schnee etwas merkwürdig: ein wenig so als ob man auf Eiscreme Skifahren würde. Interessanterweise wurde der Schnee im Gegensatz zu normalem Schnee zum Nachmittag eher besser.


Die Skilifts und -hütten haben possierliche Namen wie "Wombat" oder "Tirol", die meisten Pisten sind recht einfach. Da ich wie schon erwähnt etwas mehr Skierfahrung als die Mehrheit hatte, fuhr ich sehr sehr bald alleine und war so auf der Rückfahrt Gesprächsthema No.1 im Bus ("You really did black runs?").
Ein wenig enttäuscht war ich von dem Verhalten der Australier beim Skifahren. Nach Professor Lorcarninis, er ist der Leiter meiner Abteilung im VIDRL, Warnung : "Hans, You're used to the civilized European ways, but remember: there is always one crazy aussie to kill You!" .
Doch statt bretthartem Überlebenskampf hatte ich eine wunderschönen und vermutlich einmaligen Tag. Denn wer geht schon nach Australien um Ski zu fahren?

Samstag, 25. August 2007

Killerkamel

Dieses Kleinod australischer Zeitungsberichterstattung darf ich Euch auf keinen Fall vorenthalten. Es stand bei seiner Veröffentlichung übrigens unter den Top 3 wichtigsten Meldungen des Tages: http://www.theage.com.au/news/national/pet-camel-kills-owner/2007/08/20/1187462123513.html !

Für nicht ganz so Englischfreudige hier die Kurzversion: eine 60-jährige Dame aus Queensland wurde von ihrem Geburtstagsgeschenk zu Tode gedrückt.
Bei dem Geschenk handelt es sich um ein Kamel, welches sein Frauchen zunächst bewusstlos getreten hatte, um sich dann auf sie zu legen. Die Frau erstickte daraufhin.
Offensichtlich hatte sich das Kamel dieses rüde Verhalten bei einer Ziege abgeschaut, die so ihre Konkurrenten unterwarf.

Wer sich jetzt schon wieder Sorgen macht, weil ich auf dem Kontinent mit den sechs giftigsten Landlebewesen lebe, der neuerdings auch mörderische Kamele im Programm hat, der sei beruhigt: das Kamel lebt auf der anderen Seite von Australien und ist außerdem in Gewahrsam.

Donnerstag, 23. August 2007

Don Bruno / Mein Block

Immer wieder fragen mich liebe, besorgte Seelen "Junge, kriegst Du da auch genug zu essen?" oder "Hast Du da überhaupt einen trockenen Platz zum Schlafen?". Im diesem Beitrag möchte ich Eure Zweifel ausräumen und Euch etwas von meiner Gegend erzählen. Ach, und zum Thema Essen: ich habe zwar etwas abgenommen, das liegt aber sicher daran, dass ich hier regelmäßig und vernünftig esse. Darüberhinaus lässt mir die Arbeit genug Zeit mich auszutoben.

Doch nun zu meinem Viertel: ich lebe in North Melbourne, etwa fünf Kilometer vom Stadtzentrum entfernt. Das Herz von North Melbourne schlägt in der Erol Street, einer kleinen, aber geschäftigen Einkaufsstraßen mit zwei Supermärkten, drei Sushi-Läden und etlichen Straßencafés. Für mich als Kaffeejunkie eigentlich perfekt, wenn es da nicht folgendes Problem gäbe: natürlich habe ich schon in der ersten Woche das Café mit dem besten Kaffee ausfindig gemacht. Allerdings liegt es nach Norden. Das einzige südwärts gerichtete Café, in das ich mich Samstag mittag zurückziehen kann um kultiviert mein Buch oder meine Zeitung zu lesen und in der Sonne sitzen kann, liegt direkt gegenüber.
So sitze ich unter einem Heizpilz, lese und genieße die Sonne, während ich genau weiß, dass die Gäste auf der anderen Straßenseite besseren Kaffee als ich haben! Ein schlimmes Dilemma...

Das Viertel dämmerte seit seiner Gründung vor über hundert Jahren vor sich hin, bis die erste Einwanderungswelle aus dem Mittelmeerraum in den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts tausende italienische und griechische Migranten anschwemmte. Kaum hatten sie das Schiff verlassen (die Docklands, die ehemaligen Hafenanlagen, sind keinen halbstündigen Fußmarsch entfernt), siedelten sie sich in North Melbourne an und verwandelten die Gegend in ein lebendiges und pulsierendes Gewerbegebiet.
Von dieser Zeit zeugen die Überbleibsel kleiner Handwerksbetriebe, Werkstätten, Lagerhäuser mitten in Wohngebieten oder die große Schule, auf die ich blicke, wenn ich aus dem Fenster schaue.
In den achtziger Jahren ging des mit dem Viertel bergab. Die Einwanderer entdeckten zunehmend ihre Liebe zur Vorstadt, die Schule schloss mangels Schülern, die Immobilienpreise sanken ins Bodenlose und allerlei zwielichtige Gestalten siedelten sich in der Gegend an.
Seit Ende der Neunziger ist es wieder schick in der Stadt zu wohnen und so musste manche Gründerzeit-Häuserzeile neuen durchgestylten Reihenhäusern weichen, die von gutverdienenden Yuppies bewohnt werden.

Woher ich das alles weiß? Wenn Ihr das untenstehende Bild betrachtet, seht Ihr auf der linken Seite das Haus in dem ich wohne. Die beiden rechten Fenster im Obergeschoss gehören zu meinem Zimmer. Die Oberleitung und die Schienen gehören zur Linie 57, die in der Hauptverkehrszeit alles sechs Minuten vorbeirasselt. Für jemanden, der direkt am Goedelerring, dem Nahverkehrsknotenpunkt von Leipzig wohnt, ist das aber vergleichsweise leichte Kost.
Das Cafe Roma direkt nebenan wird schon seit Jahrzehnten von Don Bruno und seinen Leuten betrieben. Die ersten fünf Tagen, in denen ich mir meinen Morgenkaffee auf dem Weg in Labor holte, hielt er es nicht für nötig, auch nur ein einziges Wort mit mir zu wechseln. Am sechsten Tag reichte er mir die Hand über den Tresen und meinte "So, You are becoming a regular. Hi, my name is Bruno.". Seit dem gehöre ich zur "Familia".Was nicht unbedingt bedeutet, dass der Don jetzt öfters mit mir spricht. Doch ab und an wird mir ein kleiner Plausch über die Qualität der Kaffeebohnen oder die Geschichte des Viertel gewährt...

Sonntag, 19. August 2007

Mein Tag am Meer...

Auch der passionierte Großstadtindianer will mal raus! Ich hatte eine anstrengende, aber produktive Woche im Labor hinter mir, in der es mir doch wahrscheinlich gelungen ist, einem Bakterium Hepatitis zu verpassen ohne vorher mit ihm Essen gewesen zu sein oder sonstigen Verkehr zu haben. Daher hatte ich das dringende Bedürfnis ans Meer zu fahren.

Klingt eigentlich nicht so kompliziert, schließlich liegt der Central Business District nur knapp vier Kilometer von der Mündung des Yarra in die Port Philip Bay entfernt. Allerdings ist ist dort alles mit Hafen- und Industrieanlagen zu gepflastert, wie ich gestern bei einer exzessiven Joggingrunde feststellte.
Wenn es den Melbourner ans Meer zieht steigt er in die Straßenbahn in Richtung St. Kilda. Dieser beschauliche Stadtteil im Südosten schmiegt sich an die Port Philip Bay und ist seit der Vierzigern des vergangenen Jahrhundert das Naherholungsgebiet vom Melbourne. Genau wie im Ex-Mutterland England findet sich hier alles, was zu einem Seebad gehört: ein Yachthafen, ein Vergnügungspark und natürlich die Seebrücke mit Pavillon.
Das Wetter war für australische Verhältnisse winterlich - mein Glück, denn so konnte bei Sonnenschein, einer leichten Brise und angenehmen 12 Grad mit vergleichsweise wenigen Joggern, Flaneuren und Hunden den Tag am Meer genießen: