Doch nun zu meinem Viertel: ich lebe in North Melbourne, etwa fünf
Kilometer vom Stadtzentrum entfernt. Das Herz von North Melbourne schlägt in der Erol Street, einer kleinen, aber geschäftigen Einkaufsstraßen mit zwei Supermärkten, drei Sushi-Läden und etlichen Straßencafés. Für mich als Kaffeejunkie eigentlich perfekt, wenn es da nicht folgendes Problem gäbe: natürlich habe ich schon in der ersten Woche das Café mit dem besten Kaffee ausfindig gemacht. Allerdings liegt es nach Norden. Das einzige südwärts gerichtete Café, in das ich mich Samstag mittag zurückziehen kann um kultiviert mein Buch oder meine Zeitung zu lesen und in der Sonne sitzen kann, liegt direkt gegenüber.So sitze ich unter einem Heizpilz, lese und genieße die Sonne, während ich genau weiß, dass die Gäste auf der anderen Straßenseite besseren Kaffee als ich haben! Ein schlimmes Dilemma...
Das Viertel dämmerte seit seiner Gründung vor über hundert Jahren vor sich hin, bis die erste Einwanderungswelle aus dem Mittelmeerraum in den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts tausende italienische und griechische Migranten anschwemmte. Kaum hatten sie das Schiff verlassen (die Docklands, die ehemaligen Hafenanlagen, sind keinen halbstündigen Fußmarsch entfernt), siedelten sie sich in North Melbourne an und verwandelten die Gegend in ein lebendiges und pulsierendes Gewerbegebiet.
Von dieser Zeit zeugen die Überbleibsel kleiner Handwerksbetriebe, Werkstätten, Lagerhäuser mitten in Wohngebieten oder die große Schule, auf die ich blicke, wenn ich aus dem Fenster schaue.
In den achtziger Jahren ging des mit dem Viertel bergab. Die Einwanderer entdeckten zunehmend ihre Liebe zur Vorstadt, die Schule schloss mangels Schülern, die Immobilienpreise sanken ins Bodenlose und allerlei zwielichtige Gestalten siedelten sich in der Gegend an.Seit Ende der Neunziger ist es wieder schick in der Stadt zu wohnen und so musste manche Gründerzeit-Häuserzeile neuen durchgestylten Reihenhäusern weichen, die von gutverdienenden Yuppies bewohnt werden.
Woher ich das alles weiß? Wenn Ihr das untenstehende Bild betrachtet, seht Ihr auf der linken Seite das Haus in dem ich wohne. Die beiden rechten Fenster im Obergeschoss gehören zu meinem Zimmer. Die Oberleitung und die Schienen gehören zur Linie 57, die in der Hauptverkehrszeit alles sechs Minuten vorbeirasselt. Für jemanden, der direkt am Goedelerring, dem Nahverkehrsknotenpunkt von Leipzig wohnt, ist das aber vergleichsweise leichte Kost.
Das Cafe Roma direkt nebenan wird schon seit Jahrzehnten von Don Bruno und seinen Leuten betrieben. Die ersten fünf Tagen, in denen ich mir meinen Morgenkaffee auf dem Weg in Labor holte, hielt er es nicht für nötig, auch nur ein einziges Wort mit mir zu wechseln. Am sechsten Tag reichte er mir die Hand über den Tresen und meinte "So, You are becoming a regular. Hi, my name is Bruno.". Seit dem gehöre ich zur "Familia".Was nicht unbedingt bedeutet, dass der Don jetzt öfters mit mir spricht. Doch ab und an wird mir ein kleiner Plausch über die Qualität der Kaffeebohnen oder die Geschichte des Viertel gewährt...
1 Kommentar:
Ich hoffe du machst keine weiteren Geschäfte mit dem Don auußer denen mit Kaffee...
Greetings
The Italian Bob
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